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Tagesschau im neuen Design

Wow: 23,8 Millionen Euro hat das neue Studio der Tagesschau gekostet. Da kann ich zur Feier des Tages ja auch mal einen etwas längeren Beitrag schreiben.

23,8 Millionen Euro – das entspricht ungefähr 1,3 Millionen GEZ-Monatsberiträgen – oder umgerechnet 110.000 Jahren GEZ-Gebühr. Immerhin wird das neue Studio wohl wenigstens die nächsten 10 Jahre ‘DAS’ deutsche Nachrichtenstudio sein – mit diesem Hinweis wurde uns das neue Studio in der heutigen Ausgabe der Tagesschau zumindest vorgestellt. Ob das neue Studio dann wirkich 10 Jahre lang hält, werden wir in 10 Jahren wissen – oder früher.

Aber zum Ostersamstag gab es nicht nur ein neues Sudio zu sehen: das gesamte Sendungsdesign, also Screen-Design. Infografiken, Wetterkarte, Fussball-Tabelle, Opening-Animation und sogar die Tagesschau-Hymne wurden überarbeitet – bzw. neu gestaltet. Aber der Reihe nach…

 

Die 18m lange Medienwand

Die auffälligste technische Neuerung ist vermutlich die knapp 18m lange Medienwand, auf die großflächig Bilder, Videos, Infografiken und andere Zusatzinforationen projiziert werden können, um so Nachrichten, Geschichten und Berichte mit Zusatzinformationen live im Studio anzureichern. Oder sollte man sagen ‘aufzuhübschen’? Vor allem für längeren Formate – die Tagesthemen und das Nachtjournal dürfte diese technische Neuerung interessant sein. Bei der Tagesschau ist der Vollbild-Hintergrund zunächst ein wenig gewöhnungsbedürftig – der Mehrwert nicht gleich zu erkennen.

Sicherlich mag es von Vorteil sein, dass der Moderator nun dasselbe Bild sehen kann, wie die Zuschauer (zumindest wenn er sich während der Sendung der Medienwand zuwendet) und bestimmt gilt irgendiwe auch der Grundsatz “mehr ist mehr”. Aber wenn der Hintergrund bzw. das Bild zur Meldung nun nicht mehr freistehend eingerahmt ist, lässt sich eine Interaktion mit dem Moderator kaum vermeiden. Auf der Medienwand gezeigte Köpfe erscheinen größer, als der Moderatorenkopf, der Moderator sitzt plötzlich mitten im Geschehen – mitten in der Nachricht. Das bedeutet aber auch, dass der Moderator einen großen Teil des Bildes verdeckt. Dabei ist der untere Teil schon von Text überlagert. Das lenkt ab – das nachrichtliche Bild wird zum dekorarativen Bild – die visuelle Dokumentation wird zur Dekoration. Zum Glück scheint es für schwierige Bilder auch eine zweite Einstellung zu geben: Bilder, die sich nicht für eine Überlagerung bzw. als vollflächiger Hintergrund eignen werden dann nicht vollflächig aufgezogen, sondern sitzen oben links in der Ecke. Immerhin.

Helligkeit / Kontrast

Zudem haben die Bilder einen etwas geringen Kontrast, als früher. Das ist vermutlich nicht Absicht, sondern der Projektionstechnik zu ‘verdanken’ ist. Es ist technisch einfach schwierig, einerseits den Moderator optimal auszuleuten, andererseits rückwärtig Bilder und Texte zu projizieren. Eine Frage von Licht und Gegenlicht. Dreht man die Beamer auf 11 sitzt der Moderator plätzlich im Schatten – im Gegenlicht.

Ob gewollt oder nicht – der geringe Kontrast bzw. die blassen Farben geben der Präsentation einen gewissen Retro-Look. Cool. Aber durch die unterschiedliche Tiefe (der Moderator sitzt nun physisch wahrhaftig VOR dem Bild) scheint das Bild sowie der Infoträger (Schlagzeile und Meta-Headline) auch leicht unscharf zu sein. Nicht cool.

Immerhin können sich die Moderatoren nun auch frei durchs Studio bewegen – oder – müssen sie sich jetzt frei bewegen? Caren Miosga sah jedenfalls irgendiwie nicht so richtig begeistert aus, als sie darauf hinwies, dass man künftig auch ihre Beine und wohlmöglich sogar ihre Füße sehen würde. Der Tagesschau-Crew bleibt das zunächst wohl erspart.
Am Bauch nach unten hin abgeschnitten zu sein kann ja auch ein gewisses Maß Freitheit bedeuten: Moderatorin Judith Rakers hatte auf ihrer Facebook-Seite vor kurzem Einblicke ein Foto gepostet, auf dem man sie in voller Größe sehen konnte: oberhalb der Tischkante im seriösen Blazer, unterhalb des Tisches in Röhrenjeans und Boots.
Werden die Nachrichten dadurch besser? Ja – und nein. Natürlich ändert ein technisch hochgerüstetes Studio nichts an der eigentlichen Meldung – und hoffentlich auch nichts an der journalistischen Leistung – aber die Meldung lässt sich unter Umständen besser erzählen, besser erklären, besser einordnen. Oder zumindest zeitgemäß präsentieren.
Ach ja: die Möbel: der neue Tagesschau-Tsch erinnert ein wenig an den heute-Tisch des ZDF? Das kann gut sein – die Gestalltung stammt in beiden Fällen von dem Designer Jürgen Bieling bzw. seinem Münchener Designbüro Bieling Design (www.billionpoints.de).
Die erste Sendung aus dem neuen Studio wird am Ostersamstag 2014 zu sehen sein.

Neue Anfangsmelodie

Ja, und auch die Tagesschau-Hymne wurde dann auch gleich neu komponiert – oder zumindest überarbeitet – und klingt jetzt etwas geschmeidiger, etwas softer, weniger fanfarig, mehr Teppich. Die aktustische Sendungskennung von Tagesschau 24 ruft bei mir allerdings irgendwie die Assoziation “Rechner wird hochgefahren” hervor: irgendwas zwischen Windows XP und Apple OS 9. Dabei meine ich das durchaus als Kompliment – immerhin stammt der XP Klang ja von Brian Eno, und der Klang eines frisch gestarteten Apple Computers ist einer der schönsten System-Sounds, die mir bisher begegnet sind. Und nun reiht sich also Tagesschau 24 in diese Klang-Reihe ein – nicht schlecht. Vor allem verschwindet damit auch das nervige “Tääh-Tääh” Singnal, das bisher die Kurznachrichten markierte.

Ein Studio für alle Formate

Ach ja: die eigentliche Neuerung bleibt aber auf den ersten Blick aber verborgen: nicht nur das Design und das Audio-Branding der Tagesschau, der Kurznachrichten Tagesschau24 UND der Tagesthemen wurden überarbeitet – nun werden alle drei Formate auch in demselben Studio produziert. Damit wird das neue Studio eigentlich rund um die Uhr genutzt.

Meinungen

Und was sagen die Zuschauer? Was sagt das Publikum? Was sagt die Presse? Die Meinungen könnten kaum weiter auseinander gehen. Für manche scheint eine Welt zusammen zu brechen – andere begrüßen die Neugestaltung, das neue Studio, die neue Melodie, das Face-Lift, das Re-Design. Aus bei der Wahl der Bezeichnungen herrscht Uneinigkeit.

Die Berliner Morgenpost befindet, die Tagesschau-Melodie sei ‘zu viel des guten’. Bei der Modernisierung sei man über das Ziel hinaus geschossen, zu viel Streicher, zu viel emotionaler Schmelz. Unter der Überschrift “Wenn die ‘Tagesthemen’ zum Hollywood-Melodram werden” werden auch gleich die Gründe ausgelotet: Komponist Henning Lohners habe bislang eben vorwiegend Musik für Kinofilme geschrieben.
www.morgenpost.de/…/Wenn-die-Tagesthemen-zum-Hollywood-Melodram-werden.html

Bei Spiegel Online ist man schon etwas wohlwollender gelaunt: der einläutende Gong klinge irgendwie fernöstlich – “Gut so”. Wer die Tagesschau verändere, der verändere auch die Inneneinrichtung Millionen deutscher Haushalte – und da könne ein wenig Feng-Shui nicht schaden.
www.spiegel.de/kultur/tv/tagesschau-neues-studio-der-nachrichten-in-der-ard-…
Und was sagen die Zuschauer? Wenn man die Kommentare des Tagesschau-Blogs durchscannt bekommt man einen ganz guten Eindruck: die Meinungen gehen zum Teil weit auseinander. Ich verkneife mir hier jetzt mal eine Zusammenfassung.
meta.tagesschau.de/id/84528/die-neue-tagesschau-tradition-trifft-zukunft
Ach ja: Zitat des Abends: Jan Hofer: “Ich wusste nicht, dass ich noch mal so nervös sein kann.”

Siehe auch:

“Neues Tagesschau-Studio – Bewährter Inhalt, neuer Look”
www.tagesschau.de/inland/studio140.html

“Neues Tagesschau-Studio – Jetzt geht’s los”
www.tagesschau.de/inland/studio102.html

“Im neuen Tagesschau-Studio gibt es Caren Miosga auch mit Füßen”
www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article127021269/Im-neuen-Tagesschau-Studio…

Schumachers Skiunfall in der Tagesschau

Erst wollte ich mich nicht weiter mit dem Thema befassen – ignorieren ist ja manchmal schon anstrengend genug. Natürlich tut es mir für Michael Schumacher und seine Familie unendlich leid – und ich wünschte, dass dieser Unfall nie passiert wäre. Aber darum geht es in diesem Blogeintrag nicht. Thema dieses Blogeintrags ist die Berichterstattung über Schumachers Skiunfall in der Tagesschau.

Ich kann ja verstehen, dass ein öffentliches Interesse an Schumachers Gesundheitszustand besteht. Immerhin ist Schumi einer der prominentesten Sportler – seine Beliebtheit dürfte die vieler Politiker und Musiker weit übertreffen. Die Massivität, mit der der Unfall aber in der Tagesschau und in den Tagesthemen ausgewalzt wurde erscheint mir aber im besten Falle unangemessen. Und ja: mein erster Gedanke war auch, dass es sich bei dem Thema doch um ein klassisches Boulevardthema handelte. Das soll nun nicht despektierlich klingen – aber wenn ein Sportler in seiner Freizeit einen Unfall hat, dann ist das nun mal rein technisch keine Weltpolitik. Und das erwarte ich von der Tagesschau vor allem: einen Überblick über die Weltpolitik – und dass mir die wichtigsten Meldungen und Ereignisse verständlich eingetütet werden.

Nun hat auch die Tagesschau sich in einem aktuellen Blogeintrag kritisch mit der eigenen Berichterstattung auseinandergesetzt. Oder sollte man passender weise lieber sagen, dass man sich anlässlich der zum Teil sehr emotionalen Diskussionen zum Thema genötigt sah, eine Art Stellungnahme zu veröffentlichen? Und das finde ich nun wiederum hochinteressant:

blog.tagesschau.de/2014/01/02/michael-schumacher-in-der-tagesschau

Chefredakteur Dr. Kai Gniffke befasst sich inbesondere auch mit dem Vorwurf, ein vermeintliches Boulevardthema wiederholt zur wichtigsten bzw. ersten Meldung gemacht zu haben. Aber für ihn bzw. die Tagesschau handelt es sich eben nicht um einen ‘normalen’ Skiunfall – “Wenn zwei Menschen das gleiche tun, ist es nicht das gleiche“

PS: müsste es nicht heissen “Wenn zwei Menschen das gleiche tun, ist es nicht das dasselbe“? Na egal.

Von News-Aggregatoren und anderen gefährlichen Informationsquellen

Im Satiremagazin The Onion erschien kürzlich ein köstlich amüsantes Artikelchen über einen fiktiven Arbeitsunfall bei der Huffington Post: ein Mitarbeiter der Huffington Post sei in einen News-Aggregator geraten und dabei tödlich verunglückt.

Der Unfall hat so natürlich nicht stattgefunden – und News-Aggregatoren sehen auch nicht aus wie Flugzeugturbinen. Aber der Artikel läßt einen doch wenigstens über die Art und Weise schmunzeln, wie die Huffington Post ihre Nachrichten “generiert”.

Dabei betrifft das Problem mit den News-Aggregatoren natürlich nicht nur die Huffington Post. Inzwischen ist es für viele ‚Autoren‘ einfach sehr verlockend, Nachrichten/Texte nicht mehr selbt zu generieren, sondern einfach Meldungen und Texte zu zitieren, zu kopieren, auf andere Medien zu verweisen. Agenturmeldungen werden schnell mal umgeschrieben und man hat fast das Gefühl, die “Presseschau” mutiert vom journalistischen Format zum journalistischen Standard. Doch was kann man noch presseschauen, wenn alles nur noch Presseschau ist?

Parallel habe ich gerade mit einer Kollegin über das Phänomen gesprochen, dass in den Nachrichten – vor allem in den vermeintlich schnellen Medien Online, Radio und TV, immer wieder auch mal Pressemitteilungen einfach direkt durchgereicht werden. Selbst bei der guten alten Tagesschau hat man manchmal das Gefühl, daß da einfach nur vorgelesen – oder im besten Falle umformuliert wird, was zuvor ein Regierungssprecher, ein Pressesprecher oder eine PR-Agentur verfaßt hat.

Natürlich ist das grundsätzlich vollkommen legitim. Immerhin werden Pressemitteilungen ja genau zu diesem Zweck verfaßt und verbreitet. Für Journalisten ist es ein bequemer Weg, um ohne aufwändige Recherchen an die wichtigtsten Informationen zu einem bestimmten Thema zu kommen, und gerade in der Verbindung mit Pressefotos können solche Info-Pakete für alle Beteiligten ein guter Deal sein.

Schade ist nur, wenn man feststellen muss, daß in unterschiedlichen Medien dieselben Meldungen, dieselben Bilder, dieselben Texte veröffentlicht werden – wenn Pressemitteilungen unreflektiert durchgereicht werden. Darunter leidet dann einerseits die Glaubwürdigkeit des Mediums, andererseits wird die Meldung als PR-Meldung enttarnt und gerät in den Verdacht, sowieso nur ein Werbetext zu sein.

Und wie sieht Dein persönlicher News-Aggregator aus?

Inzwischen sind alle etablierten Medien auch in den sogn. Sozialen Netzwerden zu finden. Über Twitter, Facebook und Google+ kann man sich die verschiedenen Streams abonnieren und so seinen persönlichen News-Aggregator zusammenstellen. Ich habe selber eine bunte Sammlung unterschiedlicher Kanäle. Bei Facebook folge ich eigentlich keinem Medium – da verlasse ich mich ganz auf die Info-Schnippsel, die meine “Facebook-Freunde” weiterempfehlen. Bei Google+ hingegen habe ich mir diverse Medien abonniert – die dezenten “Kreise” gefallen mir einfach viel besser, als die like-Funktion von Facebook. Und nebenher habe ich noch verschiedene Twitter-Streams zu den unterschiedlichsten Themen. Ausserdem habe ich natürlich ein paar Newsletter abonniert. Aber das ist eine andere Geschichte.
Hier der Artikel bei The Onion:
`-> www.theonion.com/articles/huffington-post-employee-sucked-into-aggregation

Und hier ein interessanter Artikel bei Zeit.de über die sogn. Filter-Bubble -> “Facebook-Studie – Wie sich Informationen in sozialen Netzwerken ausbreiten – Führt die Kommunikation mit überwiegend Gleichgesinnten in sozialen Netzwerken zu einer verengten Weltsicht? Facebook-Forscher schaffen es nicht, das zu widerlegen.”
http://www.zeit.de/digital/internet/2012-01/facebook-studie-filter-bubble